7.7.2019, Sketchbook

Über Wahrnehmung: Wenn alles still wird

Wisdom from/Flashback to 2006. Langfassung der Diplomarbeit inkl. Quellenangaben: Die Stille im akustischen und optischen Ausdruck. (Und sorry: damals hab ich beim Schreiben noch nicht gegendert. Mache ich inzwischen anders).

Hören und sehen

Um zu begreifen, was Stille in der akustischen und optischen Wahrnehmung sein kann, muss man zuallererst fragen: Was ist also das Hören? Was das Sehen? Wodurch unterscheiden sich diese zwei Sinne?

Das Hören ist nichts, das man von außen analysieren kann, nichts, das wir losgelöst von uns selbst betrachten können. Es ist Teil unseres Seins, vielmehr noch: Es ist Ausdruck unseres Seins. „Ich höre, also bin ich“, sagt Berendt in einem Text über das Hören.

Hören und Sehen bewegen sich auf einer sehr unterschiedlichen Grundlage. Das Hören ist in der Zeit. Das Hören ist allgegenwärtig. Das Ohr bevorzugt keinen besonderen Gesichtspunkt. Wir werden von Schall umgeben, er dringt von allen Seiten auf uns ein. McLuhan spricht vom Schall als ein nahtloses Gewebe, das uns umhüllt. Im Gegensatz zum Sehen können wir uns nicht davor verschließen, wir können die Ohren nicht schließen, wie wir es mit den Augen können. Während wir uns bewusst entscheiden können, etwas sehen zu wollen oder nicht, ist uns das beim Hören unmöglich. Weiters stellt McLuhan Folgendes fest: „Während der Sehraum ein organisiertes Kontinuum gleichförmiger, zusammenhängender Art ist, stellt die Ohrenwelt eine Welt gleichzeitiger Beziehungen dar.“

Das Empfinden des Hörens als eine Welt gleichzeitiger Beziehung stimmt besonders für die Musik, die sich in ihrer Organisiertheit von den ungeordneten Klängen des Alltags unterscheidet. In der Musik sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig präsent: Der eben hörbare Ton enthält die verklungenen ebenso wie die noch zu erklingenden. Ein Stück klingt dadurch, dass man die vorhergehenden Töne noch in Erinnerung hat und die folgenden bereits mitdenkt und erwartet. Dieses Prinzip, die Notwendigkeit der gleichzeitigen Beziehungen gilt ebenso in der gesprochenen Sprache und selbst in Geräuschen.

Wir sehen natürlich ebenfalls in der Zeit. Dennoch ist die Wahrnehmung eine grundsätzlich andere. Wir erfassen alles auf einen Blick, bei Bildern fällt die Zeitachse weg. Das Davor und Danach sind nicht notwendig, um zu verstehen. Das Beobachtungsobjekt verändert sich während der Beobachtung nicht. Wir sind die Beobachterinnen und Beobachter, während die Musik in uns eindringt.

Der Gehörsinn ist unser genauester Sinn. Das mag im Widerspruch dazu stehen, dass wir sehr viel stärker visuell orientiert sind. Doch es bleibt dabei, dass das Auge auf Schätzungen angewiesen ist, während das Ohr misst. Eine Theorie sagt auch, dass das Hören immer weiter strebt, während das Sehen – es sieht ja – für das Ende von Entwicklung steht. Interessant dabei ist, wohin das Hören will: in die leisen Frequenzen nämlich, immer weiter an die Grenze des Hörbaren. Die Stille zu hören, oder genauer, die „Gerade nicht mehr“-Stille ist das Ziel der Entwicklung. Durch die Vormacht des Visuellen, und auch durch den allgemein vorherrschenden Lärmpegel, ist die Kultur des Hörens und dadurch die erstrebte Verfeinerung unseres Hörsinns in den Hintergrund getreten.

Hören ist verstehen. Ich bin beim Hören immer ich selbst – auf das Verstehen kann ich mich deswegen nur begrenzt verlassen. Ich darf nicht davon ausgehen, dass das von mir Verstandene dasselbe ist, das jemand anders versteht.

Dass wir hören und verstehen, merken wir erst einmal nicht. Das wird uns bewusst, wenn es zu Störungen kommt. Dann wird sichtbar, dass hier etwas vorgeht, und man hinterfragt diesen Vorgang. Das tritt zum Beispiel bei Missverständnissen auf. Wir hören etwas, hören es vielleicht sogar richtig, verstehen jedoch etwas falsch, oder zumindest anders, als es von der Sprecherin oder vom Sprecher beabsichtigt war.

Eine andere Art der Störung begegnet uns, wenn der Lärm, die Musik, die Sprache plötzlich verstummen: wenn sich Stille ausbreitet. Durch die Abwesenheit dessen, was wir gewohnt sind zu hören, werden wir uns des Hörens bewusst – als eine Tätigkeit, die eigentlich keine ist, weil wir ihr nicht auskommen und sie nicht einfach beenden können.

Um etwas verstehen zu können, greift die Hörerin/der Hörer (die Betrachterin/der Betrachter) auf schon Vorhandenes, auf Erfahrungen, auf Wissen zurück. Wir schaffen im Rahmen unserer Möglichkeiten für uns einen Sinneszusammenhang. Das legt den Gedanken nahe, dass Bedeutung nicht ein für alle Mal feststeht – vielmehr wird sie immer neu von der Rezipientin/vom Rezipienten erschaffen.

Etwas und Nichts

Ebenso wichtig für das Verständnis der Stille scheint mir die Betrachtung des Nichts zu sein. Schließlich entstammt die Stille dem Nichts, sie ist das Nichts unter einem anderen Namen, unter einer von vielen Bezeichnungen, die wir ihm gegeben haben. Das Nichts ist absolut und dem Etwas entgegengesetzt. Unabhängig davon, dass das Nichts hauptsächlich durch Etwas definiert, sonst aber schwerlich beschrieben werden kann, lässt sich seine Dimension bestimmen: das Nichts als ein räumliches oder ein zeitliches Nichts. Stets beschreibt es jedoch die Abwesenheit von Etwas, den Abstand zwischen räumlichen oder zeitlichen Ereignissen. Die Abwesenheit zeitlicher Art ist dem Hörbaren zugeordnet, die räumlicher Art dem Sichtbaren. Als Dazwischen wird das Nichts zu einer messbaren Einheit. Fehlt die Begrenzung, wird das Nichts unendlich. Doch warum ist es uns wichtig, das Nichts einzufangen, es bewertbar zu machen?

Mit jedem Mal, dass wir etwas sehen, fällen wir ein Urteil. Das passiert jedoch nicht im Nachhinein, losgelöst vom Sehen selbst, sondern implizit als Bestandteil davon. Im Buch Kunst und Sehen beschreibt Rudolf Arnheim das folgendermaßen:

„Kein Objekt wird alleine oder getrennt wahrgenommen. Irgendetwas sehen bedeutet, ihm einen Ort im Ganzen zuzuweisen, einen Standort im Raum, eine Markierung auf dem Maßstab der Größe, der Helligkeit, oder der Entfernung.“

Dadurch wird deutlich, dass wir, die wir urteilen wollen, uns schwertun, wenn sich Stille vor uns auftut. Es fehlt die Möglichkeit zur Beschreibung – wie soll man etwas, das nicht ist, mit etwas, das ist, beschreiben? Es ist gewissermaßen eine Überforderung unseres Geistes, der nicht einfach annehmen will, dass da nichts ist, und immer noch nach Greifbarem sucht. Das führt bei Stille, die nicht begrenzt ist, die wir uns aber auch nicht in aller Konsequenz vorstellen können, zu Schwierigkeiten.

Bei relativer Stille ist das anders. Wir können die Abwesenheit sehen und hören, indem sie von anderen Flächen, Gegenständen, oder – im Hörbaren – von Tönen begrenzt wird. Indem das passiert, können wir der Abwesenheit, der Stille einen Ort im Ganzen zuweisen und diesen Ort bewerten. Nicht so sehr auf seine sichtbaren oder hörbaren Eigenschaften – jedenfalls aber auf seine Wirkung auf das Ganze, dessen Teil er ist, auf seine Qualität im Hinblick auf das Ganze.

Das lässt mich zum nächsten Aspekt kommen. Das Nichts hat eine Qualität. Das mag den üblichen Erwartungen erstmal widersprechen: Nichts ist negativ besetzt. Diese Darstellung und Empfindung des Nichts ist zu einem großen Teil aus unserem kulturellen Verständnis und unserer Sozialisation geprägt. Den Ereignissen wird ein ungleich höherer Wert beigemessen als ihrer Abwesenheit.

Dass das Nichts etwas qualitativ Gutes sein kann und als das Gegenteil von etwas Seiendem nicht auch das Gegenteil dessen (angenommener) Qualität, wird selten wahrgenommen. Das Nichts hat eine Funktion, eine spürbare Präsenz – die nicht negativ sein muss – darüber hinaus, dass es die Füllmasse zwischen zwei oder mehr seienden Dingen, Ereignissen ist.

Das Nichts ist stets zweideutig. Wo sich nichts zeigt, kann das zweierlei bedeuten: Einerseits natürlich, dass da wirklich nichts ist. Andererseits kann es aber auch heißen, dass wir es nicht wissen, dass die Dinge nur verborgen sind. Was man wahrnehmen kann – nichts nämlich –, entscheidet nicht. Es kann eine Anwesenheit sein, die nur nicht erschlossen und somit im Verborgenen ist.

Diese Unbestimmtheit, das Unbekannte führen dazu, dass der Stille häufig eine bedrohliche, wahnhafte Perspektive anhaftet. Wiederum ist es der Abwesenheit von etwas, dem Nichts, dem das Negative zugeordnet wird. Bausinger führt das darauf zurück, dass die Sinne nach Bestätigung suchen. Um diese Bestätigung zu finden, erzeugen wir das, was sie hervorruft, zum Teil sogar selbst. Wir bemalen leere Flächen, als würden diese uns dazu auffordern, uns keine andere Möglichkeit lassen. Wir zeichnen Muster in weiche Oberflächen. Wir machen Geräusche, hörbare Schritte, damit es nicht still ist. Es ist, als täten wir eine Menge, um der Stille nicht ausgesetzt zu sein. Aber suchen die Sinne nur nach Bestätigung? Suchen sie nicht auch nach Ruhe? Und finden sie ihre Bestätigung tatsächlich nur dort, wo etwas passiert?

Ich kann diese Fragen nicht beantworten, möchte aber an dieser Stelle noch einmal auf das Gelernte in unserem Umgang mit der Stille zurückkommen. Wir haben etwas als positiv erfahren und nichts als negativ. Ein leeres Blatt apier war stets mit der Aufforderung verknüpft, es zu füllen. Nichtstun ist Faulheit, Warten Zeitverschwendung. Wenn es in einem Gespräch still wird, weil niemand etwas sagt, empfinden wir das sehr schnell als unangenehm und fühlen uns genötigt, die Stille mit Worten zu vertreiben.

Der Abwesenheit von Ereignissen steht der erlernte Drang, etwas passieren zu lassen, gegenüber. Und wenn vordergründig nichts passiert, wird das leicht mit Stillstand verwechselt oder, schlimmer noch, gleichgesetzt. Dabei ist die Stille notwendig, um die Dinge vorzubereiten und geschehen zu lassen. Sie ist das Nichts, auf dem etwas erst passieren kann. Auch in ihrer Bedeutung ist die Stille nicht nichts, sie kann eine Menge einschließen – auch wenn sie kein Ding ist und dadurch schwer fassbar. Der Stille wohnen alle Möglichkeiten inne. Vielleicht ist es Stillstand, in diesem Zustand zu bleiben, aus Angst, sich zu entscheiden – eine der Möglichkeiten zu wählen und sie passieren zu lassen, mit allen Konsequenzen.

Mag sein, dass wir Bestätigung nur darin finden, das Blatt zu füllen, unsere Spur zu hinterlassen, eine Erinnerung an uns, eine Unterschrift. Doch ohne die vorhergehende Leere würde die Möglichkeit fehlen. Die Abwesenheit ist eine Herausforderung an uns – gleich, ob wir sie annehmen und belassen oder ob wir die unzähligen Möglichkeiten, die sie uns gibt, zum Anlass nehmen, etwas passieren zu lassen.

Beides ist gleich gut, und stets bleibt bei uns, was wir wahrnehmen und wie sich das anfühlt.

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